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Hörsturz: Warum Sie nicht Tage warten sollten

19. Aug.
5 Min. Lesezeit

Eine plötzliche Hörminderung auf einem Ohr sollten Sie innerhalb von ein bis zwei Tagen in einer HNO-Praxis abklären lassen. Ein Hörsturz ist kein Notfall wie ein Herzinfarkt, aber auch kein Fall für die lange Bank. Kommen Schwindel, Lähmungen oder Sprachstörungen dazu, brauchen Sie noch am selben Tag ärztliche Hilfe.


Frau mittleren Alters legt prüfend die Hand an ihr rechtes Ohr und wirkt verunsichert

Woran Sie einen Hörsturz erkennen

Typisch ist ein Ohr, das sich von einer Minute auf die andere wie zugestopft anfühlt. Viele Betroffene beschreiben es als Watte im Ohr. Töne klingen dumpf oder verzerrt, häufig kommt ein Pfeifen oder Rauschen dazu, der sogenannte Tinnitus. Schmerzen fehlen in der Regel.


Der Hörsturz trifft fast immer nur ein Ohr. Manche bemerken ihn erst beim Telefonieren, wenn das gewohnte Ohr auf einmal versagt. Andere hören Töne auf dem betroffenen Ohr in einer anderen Höhe als auf dem gesunden, ein Phänomen, das Ärzte Doppeltonhören nennen. Bei einigen kommt ein leichtes Schwindelgefühl oder eine Überempfindlichkeit gegen Geräusche hinzu.


Selten ist das alles nicht. Nach Angaben des IQWiG gehen in Deutschland etwa 3 von 1.000 Menschen pro Jahr wegen eines Hörsturzes zum Arzt. Der Deutsche Berufsverband der HNO-Ärzte nennt Schätzungen von 160 bis 400 Betroffenen je 100.000 Einwohner jährlich. Am häufigsten trifft es Menschen im mittleren Lebensalter.


Erkältung, Ohrenschmalz oder echter Hörsturz?

Nicht jedes dumpfe Ohr ist gleich ein Hörsturz. Zwei harmlose Ursachen kommen im Alltag deutlich öfter vor, und beide fühlen sich ähnlich an:


  • Verschlossene Ohrtrompete bei Erkältung: Bei Schnupfen schwillt die Schleimhaut der Verbindung zwischen Nase und Mittelohr an. Der Druck betrifft oft beide Ohren, es knackt beim Schlucken oder Gähnen, und Sie sind ohnehin verschnupft. Mit der Erkältung bessert sich meist auch das Ohr.

  • Ohrenschmalzpfropf: Häufig macht er sich direkt nach dem Duschen oder Schwimmen bemerkbar, weil Wasser den Pfropf aufquellen lässt. Das Ohr fühlt sich verstopft an, manchmal juckt es. Nach der Entfernung in der Praxis hören Sie sofort wieder normal.

  • Hörsturz: Er kommt ohne Erkältung und ohne erkennbaren Anlass, betrifft ein Ohr, tut nicht weh und bleibt bestehen, egal ob Sie schlucken, gähnen oder die Nase putzen.


Sicher unterscheiden lässt sich das nur in der Praxis. Ein Blick ins Ohr entlarvt den Pfropf in Sekunden, ein Hörtest zeigt Art und Ausmaß der Hörminderung. Genau deshalb lohnt der Termin auch dann, wenn Sie eine harmlose Ursache vermuten.


Die ehrliche Zahl: Viele Hörstürze heilen von allein

Hier verdient das Thema Klarheit statt Alarmismus. Nach der Auswertung des IQWiG verschwindet ein Hörsturz bei 32 bis 65 von 100 Betroffenen ohne jede Behandlung. Der Deutsche Berufsverband der HNO-Ärzte beschreibt, dass sich das Gehör bei gut der Hälfte binnen weniger Stunden bis zwei Tagen von selbst normalisiert.


Die Aussichten stehen besonders gut, wenn der Hörverlust gering ausfällt, vor allem tiefe oder mittlere Tonlagen betrifft und kein Schwindel besteht. Ein leichter Hörsturz, der sich nach einer Nacht zurückbildet, ist also kein Grund zur Panik. Er bleibt aber ein Grund für eine Kontrolle, denn ob es wirklich ein Hörsturz war, weiß man erst nach der Untersuchung.


Kortison: Was Leitlinie und Studien sagen

Die deutsche Hörsturz-Leitlinie (AWMF-Register 017/010, Stand 2014) empfahl Glukokortikoide, also Kortisonpräparate, als Standardtherapie. Diese Leitlinie ist inzwischen abgelaufen und wird überarbeitet. Neue Daten liegen auf dem Tisch: Die HODOKORT-Studie, eine große deutsche Multizenterstudie, verglich 2024 hochdosiertes Kortison mit der bisher üblichen Standarddosis.


Das Ergebnis fiel ernüchternd aus. Die Hochdosis brachte keinen Vorteil. Unter der hochdosierten Infusionstherapie erholte sich das Gehör sogar seltener vollständig, bei 24 von 100 Behandelten gegenüber 38 bis 39 von 100 in den Vergleichsgruppen. Das IQWiG bewertet den Nutzen von Kortison beim Hörsturz insgesamt als nicht sicher belegt, auch weil die hohe Spontanheilungsrate jede Studie erschwert.


Was folgt daraus für Sie? Falls behandelt wird, dann früh: In den Studien begann die Therapie innerhalb von sieben Tagen nach Beginn der Beschwerden. Ob Kortison in Ihrem Fall sinnvoll ist, als Tablette oder als Spritze durch das Trommelfell, bleibt eine ärztliche Einzelfallentscheidung nach Hörtest und Aufklärung über die unsichere Datenlage.


Warum Sie trotzdem nicht Tage warten sollten

Drei Gründe sprechen für eine schnelle Abklärung, obwohl viele Hörstürze gut ausgehen. Erstens lässt sich nur mit Ohrmikroskopie und Hörtest klären, ob überhaupt ein Hörsturz vorliegt oder etwas anderes dahintersteckt. Zweitens verbergen sich hinter einem plötzlichen Hörverlust gelegentlich Erkrankungen mit eigenem Behandlungsbedarf, etwa die Menière-Krankheit oder, selten, ein gutartiger Tumor am Hörnerv. Drittens zählt beim Kortison das Zeitfenster von wenigen Tagen.


Das IQWiG rät, bei starkem oder sehr belastendem Hörverlust, bei begleitendem Schwindel oder bei vorbestehenden Ohrerkrankungen innerhalb von ein bis zwei Tagen mit einer Behandlung zu beginnen. Wer den frühen Hörtest hat, gewinnt außerdem einen Ausgangsbefund. Sollte das Gehör nicht vollständig zurückkehren, lässt sich der Verlauf später sauber beurteilen.


Ein praktischer Hinweis: Sagen Sie am Telefon, dass es um einen frischen Hörsturz geht. Viele HNO-Praxen halten für solche Fälle Akuttermine frei und nehmen Sie kurzfristig dran.


Was Sie beim Termin erwartet

Die Untersuchung ist unkompliziert und schmerzfrei. Zuerst schaut die Ärztin oder der Arzt mit dem Ohrmikroskop in den Gehörgang und schließt sichtbare Ursachen wie einen Pfropf oder eine Mittelohrentzündung aus. Danach folgt ein Hörtest, meist die Tonaudiometrie mit Kopfhörer, die zeigt, welche Tonhöhen wie stark betroffen sind.


Je nach Befund kommen eine Druckmessung des Trommelfells und einfache Stimmgabeltests dazu. Bleibt das Bild unklar oder besteht Schwindel, kann eine Untersuchung des Gleichgewichtsorgans folgen. Bei einseitigen Befunden, die nicht abheilen, wird gelegentlich eine MRT-Aufnahme veranlasst, um den Hörnerv zu beurteilen. Für den ersten Termin gilt: eine halbe Stunde, kein Eingriff, viel Klarheit.


Wann Sie sofort Hilfe brauchen

Bei den folgenden Warnzeichen warten Sie nicht bis morgen, sondern lassen sich noch am selben Tag untersuchen, im Zweifel über den Notruf 112:


  • Hörverlust zusammen mit heftigem Dreh- oder Schwankschwindel, Übelkeit oder Erbrechen

  • zusätzlich Lähmungen, Taubheitsgefühle, Sprach-, Schluck- oder Sehstörungen: Das können Zeichen eines Schlaganfalls sein

  • plötzlicher Hörverlust auf beiden Ohren gleichzeitig

  • Hörverlust nach Knall, Explosion, Tauchgang oder einer Kopfverletzung

  • starke Ohrenschmerzen mit Fieber oder Ausfluss aus dem Ohr


Häufige Fragen zum Hörsturz

Löst Stress einen Hörsturz aus? Stress gilt als möglicher Mitauslöser, sicher belegt ist der Zusammenhang nicht. Die genaue Ursache des Hörsturzes ist bis heute ungeklärt; diskutiert werden unter anderem Durchblutungsstörungen des Innenohrs und Entzündungsreaktionen. Ruhe und Entlastung nach einem Hörsturz schaden sicher nicht, ersetzen aber die Abklärung nicht.


Hilft es, sich einfach ein paar Tage zu schonen? Schonung allein ist keine Behandlung, und genau hier liegt die Falle des Abwartens: Bessert sich das Gehör nicht von selbst, verstreicht das Zeitfenster, in dem eine Therapie begonnen werden könnte. Ein bis zwei Tage Beobachten bei mildem Verlauf sind vertretbar, mehr nicht.


Muss ich mit einem Hörsturz ins Krankenhaus? In der Regel nicht. Die Abklärung und Behandlung läuft meist ambulant in der HNO-Praxis. Eine Klinik kommt ins Spiel bei sehr ausgeprägtem Hörverlust, starkem Schwindel oder wenn Warnzeichen auf eine andere Ursache hindeuten.


Sie möchten Ihr Ohr zügig abklären lassen und die Praxen haben schon geschlossen? Die Notdienst-Übersicht auf beemy zeigt Ihnen HNO-Notfallambulanzen und weitere Anlaufstellen in Ihrer Nähe.


Quellen


Dieser Artikel informiert allgemein und ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Bei akuten Beschwerden wenden Sie sich an eine Arztpraxis oder den Notdienst. Illustration: mit KI generiert.

 
 
 

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