Kopfschmerz oder Migräne: Warnzeichen und wann ein MRT nötig ist
Bei einer typischen Migräne oder typischen Spannungskopfschmerzen ist ein MRT in der Regel nicht nötig. Die Diagnose stützt sich laut der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) auf das Beschwerdebild und eine unauffällige neurologische Untersuchung; Bildgebung ist Kopfschmerzen mit ungewöhnlichen Merkmalen vorbehalten. Anders sieht es aus, wenn Warnzeichen dazukommen. Welche das sind, lesen Sie weiter unten.

Zunächst aber zur häufigsten Frage in der Sprechstunde: Ist das überhaupt Migräne, oder „nur" Kopfschmerz?
Spannungskopfschmerz oder Migräne: der Unterschied
Beide gehören zu den sogenannten primären Kopfschmerzen. Das heißt: Der Kopfschmerz ist selbst die Erkrankung, keine Folge einer anderen Ursache. Sie fühlen sich aber deutlich verschieden an.
Typisch für Migräne:
Attackenweise auftretend, unbehandelt zwischen 4 und 72 Stunden
Häufig einseitig, die Seite kann wechseln
Pulsierender, pochender oder hämmernder Charakter
Mäßige bis starke Intensität, Alltag oft nicht mehr möglich
Verschlechterung durch körperliche Aktivität, schon Treppensteigen verstärkt den Schmerz
Begleitsymptome: Nach Leitlinienangaben Übelkeit bei rund 80 Prozent der Betroffenen, Lichtempfindlichkeit bei etwa 60 Prozent, Lärmempfindlichkeit bei etwa 50 Prozent, Erbrechen bei rund 30 Prozent
Betroffene suchen Ruhe und ein dunkles Zimmer
Typisch für Spannungskopfschmerz:
Dumpf und drückend, oft wie ein zu enger Hut oder ein Band um den Kopf
Meist beidseitig, Stirn, Schläfen oder der ganze Kopf
Leichte bis mittlere Intensität, Alltag bleibt meist möglich
Keine Verschlechterung durch Bewegung, Spaziergänge tun eher gut
Keine oder kaum Begleitsymptome, insbesondere keine ausgeprägte Übelkeit
Dauer sehr variabel, von einer halben Stunde bis zu einer Woche
Beide Formen sind häufig. Wiederkehrende Spannungskopfschmerzen kennen nach Angaben des IQWiG über 40 von 100 Menschen, etwa 1 von 100 hat sie chronisch. Migräne betrifft etwa 14 von 100 Frauen und 7 von 100 Männern; die DGN-Leitlinie nennt eine Ein-Jahres-Häufigkeit von 10 bis 15 Prozent mit einem Gipfel zwischen dem 20. und 50. Lebensjahr. Von einer Migräne-Diagnose spricht man übrigens erst, wenn die typischen Attacken mindestens fünfmal aufgetreten sind.
Bei der Migräne kommen häufig Auslöser ins Spiel: Schlafmangel oder verschobener Schlafrhythmus, Stress und vor allem die Entlastung danach, ausgelassene Mahlzeiten oder hormonelle Schwankungen rund um die Menstruation. Solche Trigger wirken nicht bei allen gleich. Ein Tagebuch hilft, die eigenen Muster zu erkennen.
Wichtig für die Selbsteinschätzung: Es zählt das Gesamtmuster, nicht ein einzelnes Merkmal. Auch eine Migräne kann beidseitig drücken, bei etwa einem Drittel der Betroffenen betrifft sie den ganzen Kopf. Führen Sie im Zweifel ein paar Wochen Kopfschmerztagebuch. Das erleichtert der Ärztin die Diagnose mehr als jedes Gerät.
Beide Formen schließen sich übrigens nicht aus. Viele Menschen mit Migräne kennen zusätzlich Spannungskopfschmerz-Tage, und nicht jede Attacke verläuft nach Lehrbuch. Für die Behandlung lohnt die Unterscheidung trotzdem, denn Migräneattacken sprechen auf andere Mittel an als Spannungskopfschmerzen.
Migräne mit Aura: Sehstörungen mit Ansage
Etwa jede vierte bis fünfte Migränepatientin kennt zusätzlich eine Aura: neurologische Symptome, die der Kopfschmerzphase meist vorausgehen. Am häufigsten sind Sehstörungen wie Flimmern, Lichtblitze, Zickzacklinien oder ein wandernder blinder Fleck. Möglich sind auch Kribbeln, das langsam über Hand und Gesicht zieht, oder vorübergehende Wortfindungsstörungen.
Charakteristisch ist die Dynamik: Aura-Symptome entwickeln sich allmählich über mehrere Minuten, wandern und klingen laut IQWiG normalerweise innerhalb einer Stunde folgenlos ab. Genau darin unterscheiden sie sich von einem Schlaganfall, dessen Ausfälle schlagartig und meist auf ihrem Maximum beginnen.
Trotzdem gilt: Die erste Aura Ihres Lebens gehört ärztlich abgeklärt, ebenso jede Aura, die untypisch verläuft, ungewöhnlich lange anhält oder mit Lähmungen einhergeht. Die Unterscheidung von einer Durchblutungsstörung ist Sache der Neurologin, nicht der Selbstdiagnose.

Wann ist ein MRT laut Leitlinie nicht nötig?
Die DGN-Leitlinie zur Migräne ist hier eindeutig: Die Diagnose stützt sich auf die Krankengeschichte und einen unauffälligen neurologischen Untersuchungsbefund. Zusatzdiagnostik und insbesondere Bildgebung sind Fällen mit ungewöhnlichem Beschwerdebild vorbehalten, etwa wenn eine Hirnblutung ausgeschlossen werden muss.
Das bedeutet konkret: Wer seit Jahren wiederkehrende, gleichartige Migräneattacken oder Spannungskopfschmerzen hat, dazwischen beschwerdefrei ist und bei der Untersuchung keine Auffälligkeiten zeigt, braucht kein MRT zur Bestätigung. Die Bilder würden die Diagnose nicht ändern und die Kopfschmerzen nicht erklären.
Ein MRT „zur Sicherheit" kann sogar Nachteile haben. Nebenbefunde ohne Krankheitswert sind nicht selten; sie beunruhigen, ziehen Kontrolluntersuchungen nach sich und erklären die Kopfschmerzen trotzdem nicht. Sinnvoll wird Bildgebung erst, wenn das Muster nicht passt oder Warnzeichen auftreten. Dann allerdings zügig.
Was stattdessen zählt, ist das ausführliche Gespräch: Seit wann bestehen die Kopfschmerzen, wie fühlen sie sich an, wie oft kommen sie, was begleitet sie, welche Medikamente nehmen Sie wie häufig? Dazu kommt die körperlich-neurologische Untersuchung, unter anderem von Sehvermögen, Reflexen, Kraft und Koordination. Ist beides unauffällig und das Muster typisch, steht die Diagnose, ganz ohne Röhre.
Wann Sie sofort Hilfe brauchen
Fachleute nutzen für Warnzeichen bei Kopfschmerzen die SNNOOP10-Liste, eine 2019 in der Fachzeitschrift Neurology veröffentlichte Merkliste für Hinweise auf gefährliche Kopfschmerzursachen. Vereinfacht gehören diese Situationen sofort in ärztliche, meist notfallmäßige Abklärung:
Donnerschlagkopfschmerz: Ein Vernichtungskopfschmerz, der binnen Sekunden bis einer Minute sein Maximum erreicht. Notruf, Verdacht auf Hirnblutung.
Fieber plus Nackensteifigkeit: Zusammen mit Kopfschmerz ein Hinweis auf Hirnhautentzündung.
Neurologische Ausfälle: Lähmungen, Sprach- oder Sehstörungen, Taubheitsgefühle, Verwirrtheit, Krampfanfall oder anhaltende Benommenheit.
Erstmals starke Kopfschmerzen ab etwa 50: Neu beginnende oder deutlich veränderte Kopfschmerzen in dieser Altersgruppe brauchen Abklärung.
Krebserkrankung oder geschwächtes Immunsystem in der Vorgeschichte: Neue Kopfschmerzen können hier eine ernste Ursache haben.
Kopfschmerz nach Sturz oder Kopfverletzung: Besonders unter blutverdünnenden Medikamenten.
Auslösung durch Husten, Pressen oder Anstrengung oder deutliche Abhängigkeit von der Körperlage.
Stetige Zunahme über Wochen oder ein klarer Charakterwechsel bekannter Kopfschmerzen.
Neu aufgetretene Kopfschmerzen in Schwangerschaft oder Wochenbett.
Begleitendes rotes, schmerzhaftes Auge mit Sehstörung.
Nichts davon bedeutet automatisch eine schlimme Diagnose. Diese Zeichen markieren aber die Fälle, in denen Bildgebung und weitere Untersuchungen gerechtfertigt und dringlich sind, das Gegenstück zur typischen, unkomplizierten Migräne.
Was hilft, wenn es Migräne oder Spannungskopfschmerz ist?
Beim Spannungskopfschmerz kommen die meisten Menschen mit rezeptfreien Schmerzmitteln, Bewegung an der frischen Luft oder schlicht einer Pause zurecht. Auch Pfefferminzöl auf Stirn und Schläfen wird vom IQWiG als Option bei leichteren Beschwerden genannt. Bei häufigen Episoden helfen eher Ausdauersport, Stressabbau und Entspannungsverfahren als immer neue Tabletten.
Bei der Migräne empfiehlt die DGN-Leitlinie ein gestuftes Vorgehen. Leichtere und mittelstarke Attacken lassen sich oft mit Schmerzmitteln wie Acetylsalicylsäure oder Ibuprofen behandeln, gegen Übelkeit können Medikamente aus der Gruppe der Antiemetika dazukommen. Für starke Attacken stehen spezifische Migränemittel bereit, allen voran die Triptane. Was davon für Sie passt und in welcher Dosierung, gehört in die ärztliche Beratung, zumal einige Mittel bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen nicht geeignet sind.
Zwei Grundregeln nennt die Leitlinie ausdrücklich. Erstens wirken Akutmedikamente besser, wenn sie früh in der Kopfschmerzphase eingenommen werden. Zweitens ersetzt die Akuttherapie keine Vorbeugung: Bei häufigen oder stark beeinträchtigenden Attacken sollte eine Prophylaxe besprochen werden. Regelmäßiger Ausdauersport ist dabei laut Leitlinie wirksam, ebenso psychologische Verfahren wie Entspannungstraining oder Verhaltenstherapie; dazu kommen bei Bedarf vorbeugende Medikamente.
Die Kehrseite: Kopfschmerz durch Schmerzmittel-Übergebrauch
Wer häufige Kopfschmerzen mit immer mehr Tabletten bekämpft, kann in einen Teufelskreis geraten. Regelmäßige Einnahme von Akutmedikamenten kann die Kopfschmerzen selbst unterhalten; Fachleute sprechen von Kopfschmerz durch Medikamentenübergebrauch. Betroffen sind nach IQWiG-Angaben etwa 1 bis 2 von 100 Menschen.
Die Schwellen aus der DGN-Leitlinie: Bei Triptanen und Kombinationsschmerzmitteln gelten 10 oder mehr Einnahmetage pro Monat als Übergebrauch, bei einfachen Schmerzmitteln wie Ibuprofen, ASS oder Paracetamol 15 oder mehr Einnahmetage. Gemeint sind Tage, nicht Tabletten.
Hellhörig werden sollten Sie, wenn die Kopfschmerztage über Monate zunehmen und der Griff zur Packung zur Routine wird. Dann lohnt das Gespräch in der Praxis, denn dieser Kopfschmerz verschwindet erst, wenn der Übergebrauch behandelt wird. Moderne Migräneprophylaxen können laut Leitlinie auch in dieser Situation wirken.
Als Faustregel für den Alltag lässt sich aus den Schwellen ableiten: Akutmedikamente an weniger als 10 Tagen pro Monat einsetzen und die Einnahmetage notieren. Wer regelmäßig darüber liegt, sollte das nicht mit Disziplin allein lösen, sondern ärztlich begleiten lassen.
Wann zum Neurologen?
Erste Anlaufstelle bei unklaren oder häufigen Kopfschmerzen ist die hausärztliche Praxis. Sie kann die meisten Migräne- und Spannungskopfschmerz-Diagnosen stellen, die Akutbehandlung einleiten und Warnzeichen aussortieren.
Eine neurologische Vorstellung ist sinnvoll, wenn die Diagnose unklar bleibt, die Attacken trotz Behandlung häufig oder schwer sind oder eine vorbeugende Therapie infrage kommt. Das Spektrum der Prophylaxe reicht von Ausdauersport und Entspannungsverfahren über bewährte Medikamente bis zu neueren Antikörpertherapien. Auch der Verdacht auf Medikamentenübergebrauch und jede unklare Aura gehören in neurologische Hände.
Für hartnäckige Verläufe gibt es spezialisierte Kopfschmerzambulanzen und -zentren, meist an größeren Kliniken. Dort werden komplexe Fälle behandelt, etwa Migräne, die auf mehrere Vorbeugungen nicht angesprochen hat, oder die Kombination aus Migräne und Übergebrauchskopfschmerz. Fragen Sie in der neurologischen Praxis danach, wenn Sie trotz Therapie nicht weiterkommen. Ein Kopfschmerztagebuch über einige Wochen ist für jeden dieser Termine die beste Vorbereitung.
Häufige Fragen
Reicht nicht ein CT statt MRT? Das sind verschiedene Werkzeuge. Ein CT kommt vor allem im Notfall zum Einsatz, etwa bei Verdacht auf eine frische Blutung. Für die geplante Abklärung unklarer Kopfschmerzen liefert das MRT detailliertere Bilder, ganz ohne Röntgenstrahlung. Welche Untersuchung passt, entscheidet sich nach der Fragestellung.
Ich habe seit Jahren Migräne. Sollte ich trotzdem einmal ins MRT? Bei gleichbleibendem, typischem Muster und unauffälliger Untersuchung spricht die Leitlinie dagegen. Ändert sich der Charakter Ihrer Kopfschmerzen deutlich, gilt das als neues Symptom und sollte abgeklärt werden.
Hilft ein Kopfschmerztagebuch wirklich? Ja. Häufigkeit, Dauer, Begleitsymptome und Einnahmetage von Schmerzmitteln sind die Basis jeder Kopfschmerzdiagnose. Die DGN-Leitlinie empfiehlt einen Kopfschmerzkalender ausdrücklich zur Verlaufskontrolle, auf Papier oder per App.
Können Kinder schon Migräne haben? Ja. Schon vor der Pubertät liegt die Ein-Jahres-Häufigkeit laut Leitlinie bei 3 bis 7 Prozent. Attacken sind bei Kindern oft kürzer, häufiger beidseitig und können von starker Übelkeit dominiert werden. Wiederkehrende Kopfschmerzen bei Kindern gehören ärztlich abgeklärt.
Sie möchten Ihre Kopfschmerzen besser einordnen? Im Forum von beemy können Sie Ihre Fragen stellen und nachlesen, wie andere Betroffene ihre Diagnose bekommen haben. Bei den oben genannten Warnzeichen gehen Sie stattdessen sofort in die nächste Notaufnahme.
Quellen
Dieser Artikel informiert allgemein und ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Bei akuten Beschwerden wenden Sie sich an eine Arztpraxis oder den Notdienst. Illustration: mit KI generiert.


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