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Kinder im Vereinssport: Was ein wachsender Körper verträgt

vor 2 Stunden
6 Min. Lesezeit

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, und ihre Verletzungen sind keine kleinen Erwachsenenverletzungen. Solange die Wachstumsfugen offen sind, ist die schwächste Stelle im Bewegungsapparat nicht das Band und nicht die Sehne, sondern der Knorpel-Knochen-Übergang, an dem die Sehne ansetzt. Dorthin wandert die Überlastung.


Mädchen um die elf Jahre auf einem Sportplatz reibt sich das Knie unterhalb der Kniescheibe, im Hintergrund unscharf ein Fußballtor

Deshalb sieht Überlastung bei einem Zehnjährigen anders aus als bei seinem Vater.


Was am wachsenden Skelett anders ist

Sehnen ziehen an sogenannten Apophysen, das sind knöcherne Vorsprünge mit eigener Wachstumszone. Bänder und Sehnen sind im Kindesalter außergewöhnlich reißfest. Die Zugkraft landet daher zuverlässig auf der weicheren Knorpel- und Knochenstruktur darunter, die ihr am wenigsten entgegenzusetzen hat.


Dazu kommt der Wachstumsschub. Der Knochen wird schnell länger, die Muskulatur zieht mit Verzögerung nach. Für einige Monate ist die Muskel-Sehnen-Einheit relativ zu kurz, und der Zug am Ansatz steigt, ohne dass sich am Training irgendetwas geändert hätte.


Wie deutlich sich das niederschlägt, zeigt eine Übersicht in der Deutschen Zeitschrift für Sportmedizin: Manifeste Apophysenverletzungen häufen sich zwischen 12 und 16 Jahren und machen in dieser Altersgruppe rund 16 Prozent aller Verletzungen aus. Jungen sind dabei etwa neunmal häufiger betroffen als Mädchen.


Die Hauptursache benennen die Autoren ohne Umschweife: Trainingsfehler, also zu hohe Belastung zu einem biologisch zu frühen Zeitpunkt.


Die drei Überlastungsprobleme, die Eltern kennen sollten

Morbus Osgood-Schlatter, der Schmerz unter der Kniescheibe


Betroffen ist der Sehnenansatz am Schienbeinkopf, ein bis zwei Fingerbreit unterhalb der Kniescheibe. Bei Zwölf- bis Fünfzehnjährigen liegt die Häufigkeit bei etwa 9,8 Prozent, aufgeteilt in 11,4 Prozent bei Jungen und 8,3 Prozent bei Mädchen. Unter sportlich aktiven Jugendlichen liegt sie deutlich höher als unter inaktiven.


Jungen trifft es typischerweise mit 12 bis 15 Jahren, Mädchen mit 8 bis 12, weil ihr Wachstumsschub früher einsetzt. In 20 bis 30 Prozent der Fälle sind beide Knie betroffen.


Woran Sie es erkennen: Das Kind zeigt mit einem Finger auf genau eine Stelle, dort ist es druckschmerzhaft, oft ist eine Beule tastbar. Der Schmerz kommt beim Laufen, Springen und Knien, er lässt in Ruhe nach. Der Verlauf ist selbstlimitierend, kann sich aber bis zum Verschluss der Wachstumsfuge über bis zu zwei Jahre hinziehen. Bei etwa zehn Prozent bleiben Beschwerden bis ins Erwachsenenalter.


Fersenschmerz durch Apophysitis calcanei, auch Morbus Sever


Der Achillessehnenansatz am Fersenbein. Betroffen sind Kinder zwischen 8 und 15 Jahren, mit einem Gipfel bei Jungen um 12 und Mädchen um 11 Jahre. Es ist die häufigste Ursache für Fersenschmerz im Kindesalter und macht 2 bis 16 Prozent aller kindlichen Beschwerden am Bewegungsapparat aus. Rund 60 Prozent haben beide Fersen.


Woran Sie es erkennen: Schmerz beim seitlichen Zusammendrücken der Ferse, Beschwerden während und nach dem Sport, morgens beim Aufstehen dagegen meist beschwerdefrei. Kinder laufen dann auf dem Vorfuß, weil das die Ferse entlastet.


Wie lange das dauert, hat eine Zehnjahresauswertung eines deutschen Nachwuchsleistungszentrums im Fußball gezeigt. Das Durchschnittsalter der betroffenen Spieler lag bei 11,8 Jahren, bis zur Rückkehr in den Wettkampf vergingen im Mittel rund 61 Tage. Bei wiederkehrenden Beschwerden waren es im Schnitt 181 Tage, bei beidseitigem Befall noch mehr. Auffällig war der Zeitpunkt: Die meisten Fälle traten zu Saisonbeginn oder nach der Winterpause auf, also nach einem Belastungssprung.


Ermüdungsreaktionen des Knochens


Seltener, aber ernster. Wiederholte Belastung ohne ausreichende Erholung kann den Knochen selbst überfordern, bevor eine sichtbare Fraktur entsteht. Typisch sind Sportarten mit viel Laufen und Springen sowie Phasen, in denen Umfang oder Intensität sprunghaft gestiegen sind.


Woran Sie es erkennen: Der Schmerz ist zunächst belastungsabhängig, wandert dann aber in Ruhe und in die Nacht. Ruheschmerz und Nachtschmerz gehören nie zur normalen Trainingsmüdigkeit.


Eine Sportart oder mehrere? Was die Datenlage hergibt

Die amerikanische Fachgesellschaft für orthopädische Sportmedizin hat 2016 ein Konsenspapier zur frühen Spezialisierung vorgelegt. Ihr Ergebnis ist ungewöhnlich klar formuliert: Es gibt für die Mehrzahl der Sportarten keinen Beleg, dass jüngere Kinder von einer frühen Spezialisierung profitieren. Belegt sind dagegen höhere Raten an Überlastungsverletzungen, mehr Ausbrennen, sinkende Motivation und häufigeres Aufhören.


Als Spezialisierung gilt dort intensives, ganzjähriges Training in einer einzigen Sportart über acht oder mehr Monate im Jahr unter Verzicht auf andere Sportarten.


Das Konsenspapier des Internationalen Olympischen Komitees zur Entwicklung junger Sportlerinnen und Sportler von 2015 argumentiert in dieselbe Richtung: Vielfalt und Abwechslung in der sportlichen Belastung, dazu regelmäßige Erholung, senken das Risiko von Überlastungsschäden.


Auch die Sorge, das Kind verliere durch Vielseitigkeit den Anschluss, ist untersucht. Eine frühe Beteiligung an mehreren Sportarten hält Kinder nicht vom späteren sportlichen Erfolg ab.


Kind hält am Hallenrand sein Knie, der Trainer spricht mit ihm

Wie viel Belastung passt pro Woche?

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt für Kinder und Jugendliche von 5 bis 17 Jahren täglich mindestens 60 Minuten moderate bis intensive Bewegung. An mindestens drei Tagen pro Woche sollen muskel- und knochenkräftigende Aktivitäten dabei sein. Das ist die untere Grenze, nicht die obere.


Für die obere Grenze hat sich aus dem Konsenspapier zur Spezialisierung eine praktische Faustregel etabliert: Die Zahl der wöchentlichen Stunden intensiven Trainings sollte das Lebensalter in Jahren nicht überschreiten. Ein Elfjähriger also nicht mehr als elf Stunden. Ab 16 Stunden intensiven Trainings pro Woche raten die Autoren zu enger Beobachtung, unabhängig vom Alter.


Drei Punkte gehen dabei häufig unter:


  • Schule zählt mit. Sportunterricht, der Weg zum Training und das Spiel im Hof sind Belastung, auch wenn niemand sie in den Trainingsplan schreibt.

  • Mindestens ein bis zwei komplett freie Tage pro Woche. Kein Wettkampf, kein Zusatztraining.

  • Belastungssprünge sind das eigentliche Problem. Saisonstart, Trainingslager, die Zeit nach der Winterpause. Genau dann häufen sich die Beschwerden.


Sport nach einem Infekt

Für Kinder gilt dieselbe Regel wie für Erwachsene, nur konsequenter, weil sie sich schlechter selbst einschätzen. Die Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention formuliert es in ihren zehn Regeln eindeutig: Bei Husten, Schnupfen, Heiserkeit, Fieber oder Gliederschmerzen ist eine Sportpause notwendig.


Fieber ist dabei kein Ermessensspielraum. Vor dem Wiedereinstieg sollte das Kind mehrere Tage fieberfrei sein, und zwar ohne fiebersenkende Mittel. Danach wird schrittweise aufgebaut, nicht dort weitergemacht, wo aufgehört wurde.


Die Deutsche Herzstiftung weist darauf hin, dass eine Herzmuskelentzündung nach einem Infekt oft ohne typische Beschwerden verläuft. Auffällig ist dann meist nur, dass die gewohnte Belastung plötzlich nicht mehr geht. Wenn ein Kind nach einem Infekt über Wochen schlapp bleibt, im Training abbaut oder über Herzklopfen klagt, gehört das ärztlich abgeklärt.


Was eine sportmedizinische Untersuchung leisten kann

Eine Vorsorgeuntersuchung findet keine Talente und garantiert keine Verletzungsfreiheit. Sie erfasst Vorerkrankungen, die Familiengeschichte, Symptome unter Belastung, den Zustand von Gelenken und Wirbelsäule, Blutdruck sowie Herz und Lunge. Aus diesen Befunden lässt sich eine Beratung zu Umfang und Intensität ableiten, und genau darin liegt der praktische Nutzen.


Eine ehrliche Einordnung gehört dazu: Die aktuelle deutsche Leitlinie zur sportmedizinischen Vorsorgeuntersuchung aus dem Jahr 2024 gilt ausdrücklich für Erwachsene und richtet sich nicht an Kinder und Jugendliche. Für den Kinder- und Jugendbereich existiert keine vergleichbare deutsche Leitlinie. Wer eine solche Untersuchung möchte, sucht am besten eine Praxis mit der Zusatzbezeichnung Sportmedizin oder eine kinderorthopädische Sprechstunde.


Anlass genug für einen Termin geben in jedem Fall: Ohnmacht beim Sport, ungeklärtes Herzrasen, Brustschmerz unter Belastung oder ein plötzlicher Herztod naher Angehöriger vor dem 60. Lebensjahr.


Warnzeichen, bei denen Sie nicht abwarten sollten

  • Schmerz in Ruhe oder nachts, nicht nur bei Belastung

  • Hinken über mehr als ein paar Tage oder Schonhaltung, die das Kind nicht ablegt

  • sichtbare Schwellung, Rötung oder Überwärmung eines Gelenks

  • Schmerzen, die trotz reduzierter Belastung länger als vier bis sechs Wochen anhalten

  • ein Gelenk, das blockiert, einknickt oder sich instabil anfühlt

  • Fieber zusammen mit Gelenkschmerz

  • Brustschmerz, Herzstolpern, Luftnot oder Ohnmacht beim Sport


Die letzten Punkte sind kein Fall für Abwarten. Ohnmacht, Brustschmerz oder Luftnot während des Sports gehören sofort abgeklärt, im Zweifel über den Notruf 112.


Häufige Fragen

Muss mein Kind bei Osgood-Schlatter mit dem Sport aufhören? Meist nicht vollständig. Empfohlen wird relative Schonung, die sich am Schmerz orientiert. Wenn ein Kind parallel in mehreren Mannschaften spielt, ist das Streichen einer davon oft wirksamer als eine komplette Pause.


Wächst sich das aus? Beide Apophysitiden verschwinden mit dem Verschluss der Wachstumsfuge. Beim Fersenschmerz klingen die Beschwerden meist in Wochen bis Monaten ab, beim Knie kann es bis zu zwei Jahre dauern.


Ist Krafttraining für Kinder schädlich? Die Vorstellung, Krafttraining bremse das Wachstum, gilt fachlich als überholt. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt muskel- und knochenkräftigende Aktivitäten sogar ausdrücklich an drei Tagen pro Woche. Es geht dabei um Technik und Körpergewichtsübungen, nicht um maximale Lasten.


Woran erkenne ich, dass es mehr als Wachstumsschmerz ist? Wachstumsschmerzen sind typischerweise beidseitig, abends oder nachts, ohne Druckschmerzpunkt und ohne Schwellung. Ein Kind, das auf genau eine Stelle zeigt oder hinkt, hat etwas anderes.


Wenn Sie einschätzen möchten, ob das Trainingspensum im Verein noch passt, oder wissen wollen, wie andere Eltern mit wiederkehrenden Knie- und Fersenbeschwerden umgegangen sind: Im beemy-Forum gibt es dafür einen Bereich.


Quellen


Dieser Artikel informiert allgemein und ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Bei akuten Beschwerden wenden Sie sich an eine Arztpraxis oder den Notdienst. Illustration: mit KI generiert.

 
 
 

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