Tinnitus: Was gegen Ohrgeräusche wirklich hilft und was nur Geld kostet
Gegen Tinnitus gibt es kein Medikament, das den Ton abschaltet. Am besten belegt ist eine tinnitusspezifische kognitive Verhaltenstherapie, dazu der Ausgleich eines begleitenden Hörverlusts und ein ausführliches Beratungsgespräch. Frische Ohrgeräusche zusammen mit einer plötzlichen Hörminderung gehören dagegen zügig in eine HNO-Praxis, denn sie werden behandelt wie ein Hörsturz.

Akut oder chronisch: Die Grenze liegt bei drei Monaten
Kurze Ohrgeräusche kennt fast jeder Mensch. Von einem Tinnitus sprechen Fachleute erst, wenn das Geräusch anhält und stört. Hält es länger als drei Monate an, gilt es als chronisch. Diese Grenze steht so in der S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde.
Zwischen 5 und 15 Prozent aller Erwachsenen erleben laut IQWiG irgendwann einen länger anhaltenden Tinnitus. Bei etwa 10 bis 20 Prozent der Betroffenen beeinträchtigt er die Lebensqualität deutlich. Am häufigsten tritt er ab dem 50. Lebensjahr auf.
Ein Punkt wird oft übersehen: In über 90 Prozent der Fälle steckt hinter dem Ohrgeräusch ein mehr oder weniger ausgeprägter Hörverlust. Viele Betroffene merken davon nichts, weil der Ton im Vordergrund steht. Das Hörzentrum im Gehirn versucht, die fehlenden Frequenzen durch eigene Aktivität auszugleichen. Genau daraus entsteht der Ton, den Sie hören.
Was in den ersten Tagen sinnvoll ist
Ein frisches Ohrgeräusch ist kein Fall für Abwarten und Tee trinken. Die Patientenleitlinie ordnet akute Ohrgeräusche dem Hörsturz zu: Sie sollen in aller Regel mit einer Kortisonbehandlung angegangen werden, über die eine HNO-Praxis nach Untersuchung entscheidet.
Vor jeder Behandlung steht die Untersuchung. Erst wird geschaut, ob eine einfache Ursache vorliegt, etwa ein Ohrenschmalzpfropf oder ein Mittelohrbefund. Danach folgt eine Hörprüfung, die zeigt, ob und in welchen Frequenzen das Gehör gestört ist. Bei einseitigen Ohrgeräuschen kann eine Kernspintomographie des Kopfes dazukommen, um seltene Veränderungen am Hör- und Gleichgewichtsnerv auszuschließen.
Was Sie selbst in dieser Phase tun können, ist unspektakulär und trotzdem hilfreich: Lärm meiden, für ruhige, aber nicht völlig stille Umgebung sorgen, Schlaf und Erholung ernst nehmen. Absolute Stille verstärkt die Wahrnehmung des Tons meist.
Der Satz, den niemand hören will
„Da kann man nichts machen" ist der Satz, den viele Betroffene zu hören bekommen. Er stimmt in einem Punkt und ist im Ganzen falsch. Richtig ist: Einen Schalter, der das Ohrgeräusch abstellt, gibt es bis heute nicht. Die Leitlinie formuliert das deutlich. Alle Studien zu Medikamenten gegen den Ton zeigen, dass diese Mittel nicht besser wirken als eine Scheinbehandlung.
Falsch ist der Rest. Ärztinnen, Ärzte und Betroffene können gemeinsam viel dafür tun, dass der Ton weniger stört oder ganz aus der Wahrnehmung verschwindet. Das ist der eigentliche Behandlungsauftrag: nicht Löschen, sondern Entlasten.

Was tatsächlich belegt ist
Drei Bausteine tragen die Behandlung des chronischen Tinnitus. Sie greifen ineinander, nicht nacheinander.
Tinnitusspezifische kognitive Verhaltenstherapie: Für verhaltenstherapeutische Ansätze liegen laut Leitlinie umfangreiche Studien vor, die eine gute Wirkung auf die Tinnitusbelastung zeigen. Nebenwirkungen sind nicht bekannt. Das IQWiG fasst die Studienlage vorsichtiger: Eine kognitive Verhaltenstherapie kann die Lebensqualität während der Therapiezeit verbessern, die Geräusche selbst beseitigt sie nicht. Sie ist damit das am besten untersuchte Verfahren, kein Wundermittel.
Hörgeräte bei begleitendem Hörverlust: Der Ausgleich einer Schwerhörigkeit gilt in der Leitlinie als wesentliche Voraussetzung für die Gewöhnung an den Ton. Wer wieder mehr Umgebungsgeräusche hört, hört den Tinnitus relativ leiser. Bei hochgradiger Schwerhörigkeit oder Ertaubung kommen Cochlea-Implantate infrage.
Beratung, die den Ton entzaubert: Grundlage jeder Behandlung soll ein ausführliches, entängstigendes Beratungsgespräch nach guter Diagnostik sein. Wer versteht, wie das Geräusch entsteht und dass es nicht auf eine Hirnerkrankung hinweist, verliert einen großen Teil der Angst. Selbsthilfegruppen wirken für viele Betroffene in dieselbe Richtung.
Was Geld kostet, ohne dass ein Beleg dahintersteht
Rund um Tinnitus hat sich ein Markt entwickelt. Die folgenden Angebote werden häufig empfohlen, ohne dass Studien einen Nutzen zeigen konnten.
Ginkgo und Durchblutungsmittel: Ein Cochrane-Review von 2022 wertete 12 Studien mit 1.915 Teilnehmenden aus. Ergebnis: Ginkgo biloba hat gegenüber Placebo wahrscheinlich wenig bis keinen Effekt, und die Sicherheit dieser Aussage ist gering bis sehr gering. Die deutsche Leitlinie sieht für Ginkgo, Betahistin und eine Kortisonbehandlung beim chronischen Tinnitus ebenfalls keine nachgewiesene Wirksamkeit.
Infusionskuren: Sie folgen der Idee, die Durchblutung des Innenohrs zu verbessern. Eine Medikamentenwirkung, die den Tinnitus verringert oder beendet, ist bis heute nicht nachgewiesen worden.
Sauerstoffüberdrucktherapie: Ein Cochrane-Review mit sieben Studien und 392 Teilnehmenden fand keinen Beleg für einen Nutzen bei chronischem Tinnitus und empfiehlt den Einsatz zu diesem Zweck nicht. Harmlos ist die Behandlung nicht: Beschrieben sind Schäden an Ohren, Nebenhöhlen und Lunge durch den hohen Druck sowie Sauerstoffvergiftung.
Nahrungsergänzungsmittel: Sie haben laut Leitlinie keinerlei nachweisbaren Effekt auf die Tinnitusbelastung.
Rauschgeräte, Sound- und Musiktherapien: Für speziell entwickelte Geräuschanwendungen und akustische Stimulation mit Tönen oder verfremdeter Musik besteht nach den vorliegenden Studien keine Evidenz. Ein Noiser ist nach wissenschaftlicher Datenlage nicht erforderlich.
Apparative Stimulationsverfahren und Laser: Für Magnetstimulation, bimodale Stimulation und direkte elektrische Hirnstimulation konnte bislang kein Beleg einer nachhaltigen Wirkung erbracht werden. Auch für Laseranwendungen am Innenohr fehlt ein Wirksamkeitsnachweis. Akupunktur wirkt beim Tinnitus nicht nachweislich, kann aber Verspannungen lindern.
Eine Ausnahme lohnt die Erwähnung: Bestehen nachweisbare Funktionsstörungen der Halswirbelsäule oder der Kaumuskulatur, die in der Untersuchung eine direkte Beziehung zur Tinnituswahrnehmung zeigen, kann eine manualtherapeutische Behandlung positiv wirken.
Habituation: Wie das Gehirn den Ton verlernt
Habituation ist der Fachbegriff für Gewöhnung, und sie ist das eigentliche Ziel. Gemeint ist ein Lernvorgang: Das Ohrgeräusch besteht weiter, wird aber ohne aktive Konzentration darauf weniger oder gar nicht mehr wahrgenommen. So funktioniert Wahrnehmung generell. Sie hören den Kühlschrank in Ihrer Küche nur dann, wenn Sie an ihn denken.
Der Weg dorthin führt über die Bausteine oben. Verhaltenstherapeutische Verfahren, ein ausgeglichenes Gehör und Entspannungstechniken arbeiten alle daran, dass der Ton seine Bedeutung verliert. Tinnitus-Retrainingtherapie und Tinnitus-Bewältigungstherapie können die Gewöhnung ebenfalls verbessern, jedenfalls bei längerfristigem Einsatz.
Wichtig ist die Zeitachse. Habituation passiert nicht in zwei Wochen, und sie verläuft nicht geradlinig. Rückschläge in stressigen Phasen gehören dazu und bedeuten nicht, dass die Behandlung versagt hat.
Was Sie selbst in der Hand haben
Zwischen den Therapieterminen liegt der größere Teil der Arbeit, und der findet im Alltag statt. Die Leitlinie nennt neben der psychotherapeutischen Begleitung ausdrücklich Techniken der Stressverarbeitung, Entspannungsverfahren und die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe als Bausteine der Behandlung.
Praktisch heißt das dreierlei. Erstens: Gehörschutz bei Lärm, konsequent. Ein weiterer Hörschaden verstärkt die Ausgangslage. Zweitens: Schlaf schützen. Wer schlecht schläft, nimmt den Ton am nächsten Tag lauter wahr, und aus dieser Schleife entsteht ein guter Teil der Belastung. Drittens: den Tag nicht um den Tinnitus herum bauen. Wer Konzerte, Sport oder Verabredungen streicht, weil der Ton stören könnte, macht ihn wichtiger, als er sein müsste.
Ein Hinweis zur Erwartungshaltung. Diese Maßnahmen machen den Ton nicht leiser. Sie verändern, wie viel Raum er bekommt. Genau das ist der Unterschied, um den es bei chronischem Tinnitus geht.
Wenn die Angst lauter ist als der Ton
Nicht das Geräusch macht krank, sondern die Belastung dadurch. Viele Menschen hören einen Tinnitus und empfinden ihn als normal. Andere fühlen sich stark eingeschränkt. Dann entstehen oder verstärken sich Begleiterkrankungen: Ein- und Durchschlafprobleme, Konzentrationsstörungen, Stimmungsschwankungen bis hin zu Depressionen, dazu eine Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen.
Häufig kommt eine bestimmte Angst dazu: die Sorge, hinter dem Ton stecke eine Erkrankung des Gehirns. Diese Sorge lässt sich durch Diagnostik und ein klärendes Gespräch meist auflösen. Bestehen Depressions- oder Angsterkrankungen, können Medikamente sinnvoll sein, dann aber zur Behandlung der Begleiterkrankung und nicht gegen den Ton. Die geringere Anspannung senkt oft auch die Tinnitusbelastung.
Wann Sie sofort Hilfe brauchen
Bei diesen Warnzeichen warten Sie nicht ab, sondern lassen sich noch am selben Tag untersuchen, im Zweifel über den Notruf 112:
Ohrgeräusch zusammen mit einer plötzlichen Hörminderung auf einem Ohr
pulsierendes Geräusch im Rhythmus des Herzschlags, besonders einseitig: Dahinter kann eine Gefäßursache stecken
Tinnitus mit heftigem Drehschwindel, Übelkeit oder Erbrechen
zusätzlich Lähmungen, Taubheitsgefühle, Seh-, Sprach- oder Schluckstörungen
Ohrgeräusch nach Knall, Explosion, Kopfverletzung oder Tauchgang
starke Ohrenschmerzen mit Fieber oder Ausfluss aus dem Ohr
Häufige Fragen
Ich höre den Ton seit vier Tagen. Muss ich sofort etwas tun? Ein frisches Ohrgeräusch gehört zeitnah in eine HNO-Praxis, vor allem wenn das Hören schlechter geworden ist. Akute Ohrgeräusche werden in der Regel wie ein Hörsturz behandelt, und dafür zählt das Zeitfenster von wenigen Tagen.
Verschwindet ein Tinnitus wieder von selbst? Häufig ja. Das IQWiG beschreibt, dass Ohrgeräusche meist von selbst wieder verschwinden. Eine verlässliche Vorhersage ist im Einzelfall nicht möglich, und sie hängt davon ab, ob sich eine behandelbare Ursache finden lässt.
Hilft absolute Ruhe? Meist nicht. In völliger Stille tritt der Ton stärker hervor. Angenehme Hintergrundgeräusche werden von vielen Betroffenen als entlastend erlebt, ein spezielles Rauschgerät ist dafür nach der Datenlage nicht nötig.
Welche Praxis ist zuständig? In aller Regel die HNO-Praxis, weil nur dort die nötigen Hörprüfungen durchgeführt werden. Bei psychosomatischen Begleiterkrankungen kommen psychotherapeutisch tätige Ärztinnen, Ärzte oder Psychologinnen und Psychologen dazu.
Ohrgeräusche sind ein Thema, bei dem der Austausch mit anderen Betroffenen oft mehr bringt als die nächste Suchanfrage. Im beemy-Forum können Sie Ihre Erfahrungen schildern und lesen, wie andere mit dem Ton umgehen gelernt haben.
Quellen
Patientenleitlinie Chronischer Tinnitus, AWMF-Register 017/064, DGHNO-KHC (2021)
S3-Leitlinie Chronischer Tinnitus, AWMF-Register 017/064 (2021)
Was hilft bei chronischem Tinnitus und was nicht? gesundheitsinformation.de, IQWiG
Ginkgo biloba for tinnitus. Cochrane Database of Systematic Reviews, Sereda et al. (2022)
Dieser Artikel informiert allgemein und ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Bei akuten Beschwerden wenden Sie sich an eine Arztpraxis oder den Notdienst. Illustration: mit KI generiert.



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