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Pseudokrupp in der Nacht: Die ersten fünf Minuten

11. Okt.
5 Min. Lesezeit

Ihr Kind wacht auf und hustet bellend wie ein junger Seehund, die Stimme ist heiser, beim Einatmen pfeift es. Das ist der typische Pseudokrupp, und die wichtigste Maßnahme ist unspektakulär: Bleiben Sie ruhig, nehmen Sie Ihr Kind hoch und setzen Sie es aufrecht hin. Die meisten Kinder haben nur leichte Beschwerden, die innerhalb von zwei Tagen von selbst abklingen. Gefährlich wird es, wenn das Pfeifen auch in völliger Ruhe zu hören ist, die Lippen sich blau färben oder das Kind erschöpft wirkt. Dann zählt der Notruf 112.


Elternteil hält ein kleines Kind aufrecht auf dem Arm vor einem geöffneten Fenster in einem dunklen Zimmer

Minute für Minute: Was Sie jetzt tun

  1. Erst Sie, dann das Kind. Atmen Sie selbst zweimal langsam durch, bevor Sie das Zimmer betreten. Kinder lesen Panik im Gesicht der Eltern sofort ab. Die Fachgesellschaft für pädiatrische Pneumologie nennt die Beruhigung von Kind und Angehörigen als erste Maßnahme bei leichten und mittleren Verläufen, noch vor jedem Medikament.

  2. Aufrecht halten. Nehmen Sie Ihr Kind auf den Arm oder setzen Sie es aufrecht hin, gestützt an Ihrem Körper. Im Sitzen bekommt es leichter Luft als im Liegen.

  3. Kühle Luft anbieten. Öffnen Sie ein Fenster, gehen Sie mit einer Decke auf den Balkon oder setzen Sie sich mit dem Kind vor den geöffneten Kühlschrank. Der Rat ist alt und wird von den Kinder- und Jugendgesundheitsdiensten weiterhin gegeben, ein Wirksamkeitsbeleg aus Studien fehlt allerdings. Schaden kann er nicht, und vielen Kindern hilft die Ablenkung.

  4. Trinken anbieten. Kleine Schlucke Wasser oder kalter Tee, keine Milch. Das befeuchtet den gereizten Kehlkopf und gibt dem Kind etwas zu tun.

  5. Zuhören und mitzählen. Beobachten Sie zwei Dinge: Hören Sie das Pfeifen nur, wenn das Kind weint, oder auch, wenn es ruhig auf Ihrem Arm sitzt? Und zieht sich die Haut am Hals oder zwischen den Rippen beim Einatmen sichtbar ein? Diese beiden Beobachtungen entscheiden über alles Weitere.


Was Sie sich sparen können: das heiße Duschwasser im Badezimmer. Diesen Rat kennen viele Eltern von ihren eigenen Eltern, und er stand noch vor gut zehn Jahren in deutschen Fachmedien. Eine Auswertung von drei Studien mit 135 Kindern fand für befeuchtete Luft keinen nachweisbaren Nutzen. Dazu kommt ein praktisches Risiko: heißes Wasser und ein aufgeregtes Kleinkind im engen Bad sind eine schlechte Kombination.


Klingt es wirklich nach Pseudokrupp?

Der Pseudokrupp ist eine virale Entzündung im Bereich des Kehlkopfs, meist ein paar Tage nach einem harmlosen Schnupfen. Die Schleimhaut unterhalb der Stimmbänder schwillt an, und weil die Atemwege bei kleinen Kindern eng sind, wird jedes Millimeter Schwellung hörbar. Am häufigsten trifft es Kinder zwischen 6 Monaten und 3 Jahren. Pro Jahr bekommen etwa 3 von 100 Kindern dieser Altersgruppe einen Pseudokrupp, in Herbst und Winter deutlich öfter als im Sommer.


Daran erkennen Sie das typische Bild:


  • Bellender Husten, oft mit heiserer Stimme, nach einem banalen Infekt

  • Pfeifendes oder ziehendes Geräusch beim Einatmen, medizinisch Stridor genannt

  • Beginn in der ersten Nachthälfte, tagsüber ist das Kind oft fast beschwerdefrei

  • Nur mäßiges Fieber, meist bis etwa 38,5 Grad


Ein Anfall wirkt dramatischer, als er in den meisten Fällen ist. Trotzdem gilt: Wenn Sie unsicher sind, ob das Atemgeräusch normal ist, lassen Sie Ihr Kind ansehen. Am Telefon lässt sich ein Stridor nur schwer beurteilen.


Warum Aufregung den Anfall verschlimmert

Das ist kein psychologischer Nebenaspekt, sondern Mechanik. Ein weinendes, schreiendes Kind atmet schneller und presst die Luft mit mehr Sog durch die verengte Stelle. Der Unterdruck lässt die geschwollene Schleimhaut noch stärker mitschwingen, das Pfeifen wird lauter, das Kind bekommt mehr Angst, atmet noch hektischer. Diese Schleife lässt sich unterbrechen, und zwar von außen: durch eine ruhige Stimme, festen Körperkontakt und aufrechte Haltung.


Praktisch heißt das auch: nicht zwanghaft in den Mund schauen, nicht hektisch anziehen, nicht mit drei aufgeregten Erwachsenen um das Bett stehen. Eine Person bleibt beim Kind, eine kümmert sich um alles andere.


Wann Sie sofort den Notruf 112 wählen

Rufen Sie ohne Zögern den Notruf, wenn eines dieser Zeichen auftritt:


  • Atemnot in Ruhe: Das pfeifende Einatmen ist auch dann zu hören, wenn das Kind ruhig sitzt und nicht weint.

  • Blaue Lippen oder blasse, bläuliche Haut.

  • Starke Einziehungen: Die Haut zieht sich mit jedem Atemzug sichtbar zwischen den Rippen, unter dem Rippenbogen oder in der Grube über dem Brustbein nach innen.

  • Erschöpfung: Das Kind wird auffallend still, schläfrig oder reagiert kaum noch. Ruhe ist hier kein gutes Zeichen, sondern ein Alarmzeichen.

  • Blässe mit sehr schnellem Puls.

  • Speichel läuft aus dem Mund, das Kind kann nicht mehr schlucken, dazu hohes Fieber und eine kaum hörbare Stimme.


Der letzte Punkt gilt besonders. Diese Kombination spricht nicht für Pseudokrupp, sondern für eine Entzündung des Kehldeckels, die Epiglottitis. Sie entwickelt sich innerhalb weniger Stunden und ist ein Notfall. Wichtig dabei: Lassen Sie das Kind sitzen, legen Sie es nicht hin und schauen Sie ihm nicht in den Rachen. Beides kann die Atemwege zusätzlich verlegen. Seit der Impfung gegen Haemophilus influenzae Typ b, die seit 1990 zum Standard gehört, ist diese Erkrankung selten geworden. In den 1990er Jahren gingen die Hib-Erkrankungen in Deutschland um rund 90 Prozent zurück, heute meldet das Robert Koch-Institut nur noch etwa 10 bis 35 Hib-Fälle pro Jahr.


Vom echten Krupp, also der Kehlkopfdiphtherie, ist der Pseudokrupp ebenfalls klar zu trennen. Sie ist in Deutschland dank Impfung eine Rarität. Ein weiterer Fall für den Notruf, der leicht verwechselt wird: plötzliche Atemnot beim vorher gesunden Kind ohne jedes Infektzeichen. Dahinter kann ein verschluckter Fremdkörper stecken.


Was in Praxis und Klinik gegeben wird

Bei stärkeren Beschwerden bekommen Kinder ein Glukokortikoid, also ein Kortisonpräparat als Saft oder Zäpfchen. Die Wirkung setzt nach etwa zwei Stunden ein. Die Datenlage dazu ist für Kinderarzneimittel ungewöhnlich breit: Ein Cochrane-Review wertete 45 Studien mit 5.888 Kindern aus und fand weniger Beschwerden, kürzere Krankenhausaufenthalte und seltenere Wiedervorstellungen.


Bei schweren Verläufen kommt zusätzlich Adrenalin zum Inhalieren zum Einsatz. Es wirkt schnell, in Studien war die Besserung schon nach 30 Minuten deutlich messbar, hält aber nur kurz an: Nach zwei Stunden war der Vorteil gegenüber Placebo nicht mehr nachweisbar. Genau deshalb wird Ihr Kind nach einer solchen Inhalation noch einige Stunden überwacht und nicht sofort nach Hause geschickt. Dosierungen legt immer die behandelnde Ärztin oder der Arzt fest, auch bei einem Notfallzäpfchen aus der eigenen Hausapotheke.


Die nächsten Nächte

Rechnen Sie damit, dass es nicht bei einer Nacht bleibt. Der Husten begleitet die meisten Kinder einige Tage, die Beschwerden verstärken sich abends und in der Nacht, tagsüber wirkt das Kind oft erstaunlich fit. Bei den meisten Kindern klingen die Beschwerden innerhalb von zwei Tagen von selbst ab.


Was für die kommenden Nächte hilft: Legen Sie ein Getränk ans Bett, halten Sie das Schlafzimmer eher kühl und schlafen Sie in der ersten Nacht in Hörweite. Falls Ihre Praxis ein Notfallmedikament mitgegeben hat, legen Sie es griffbereit hin, statt es im Halbschlaf zu suchen.


Vorbeugen lässt sich nur begrenzt, zwei Punkte sind aber belegt: Tabakrauch in der Wohnung gilt als Risikofaktor, und der Impfschutz gegen Diphtherie sowie gegen Haemophilus influenzae Typ b schließt die gefährlichen Verwechslungsdiagnosen weitgehend aus. Kinder mit wiederkehrenden Anfällen sollten außerdem einmal in Ruhe kinderärztlich untersucht werden, nicht erst mitten in der Nacht.


Wenn Ihr Kind nachts schlecht Luft bekommt und Sie nicht bis zum Morgen warten wollen, finden Sie die diensthabenden Anlaufstellen in Ihrer Umgebung in der Notdienst-Übersicht von beemy. Bei Atemnot in Ruhe, blauen Lippen oder Erschöpfung gilt der Notruf 112, nicht die Suche nach einem Termin.


Quellen


Dieser Artikel informiert allgemein und ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Bei akuten Beschwerden wenden Sie sich an eine Arztpraxis oder den Notdienst. Illustration: mit KI generiert.

 
 
 

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